Geile Knoten

22. Oktober 2022. Kunst am Knoten. Ein Tag über Knoten, zum Verknoten, am Verkehrsknoten. Wir besetzen Knoten, wollen soziale Knoten, andere Verkehrsformen, widerspenstige Kunst, leiwande öffentliche Orte, keine neoliberalen Knoten! Punkt. 

Geile Knoten: Ein Projekt über Verkehrsknoten // 22. Oktober 2022 am Matzleinsdorfer Platz

Kontakt: info@geileknoten.com


von und mit: Serena Abbondanza, Alessandro Albrecht, Theo Bartenberger, Tabea Briggs, Teresa Gartler, Seung Yeon Jung, Soohoon Lee, Jieun Park, Amelie Schlaeffer, Luisali Theisen, Tomash Schoiswohl, und vielen mehr.

Geile Knoten ist ein Projekt über Knoten, über Verkehrsknotenpunkte in Wien. Vor 20 Jahren plakatierte die ÖBB: Sie schätzen Ordnung. Wir auch! Mit Punkt und Ausrufezeichen. Keine Frage. Die großen Bahnhöfe und weitere Verkehrsknoten in Wien haben sich grundlegend verändert. Sie sind heute Shopping Malls mit Gleisanschluss.  

Die Grenzen verlaufen unsichtbar im Verkehrsbauwerk. Passagiere steigen mühelos von einer Hausordnung in die nächste. CCTV schaut zu. Aber wehe, du bist falsch markiert, bewegst dich falsch, hast kein Geld oder gar den falschen Pass: dann stößt du an diese Grenzen.  

Eine verdrängte Grenze ist der Linienwall, die Wiener Linien: 200 Jahre lang verlief diese massive Grenzanlage im Zickzack rund um Wien, dort wo heute der Gürtel ist. Eine unbeliebte Grenze. Viele Verkehrsknoten befinden sich exakt an den ehemaligen Linientoren. Infrastrukturen, Verkehrsbauwerke haben die Grenze durchlässig gemacht, haben sie aber auch festgeschrieben. 

Die großen Verkehrsknoten Wiens sind Katalysatoren der Gentrifizierung, der Verdrängung von einkommensschwachen Klassen und störenden Gruppen aus zentralen Lagen, aus dem öffentlichen Raum. Alle ziehen an einem Strang: Stadt, Polizei, Verkehrsbetriebe, Investoren, Architekt_innen, Zeitungen. Was ist mit sozialen Einrichtungen, mit Kunst, Spielplätzen, Second Hand Geschäften am Verkehrsknoten? 

Das Konzept der neoliberalen Knoten hat keine Zukunft. Solche Knoten bieten weder Schutz noch Sicherheit, noch Trost. Die Orte sind kaputt. Voll mit Reklame und Autos. Das macht sie so gefährlich. 

Geile Knoten thematisiert die bösen Knoten und diskutiert andere Knoten, die spielerisch, sozial und gesund sind. Auf Knoten sitzen, Knoten machen, an Knoten weiter arbeiten. Knoten besetzen. 

„Die Geschwindigkeit unterstützt die Institutionen. Die Langsamkeit unterbricht die Ströme.“ (Tiqqun)

Es geht auch um Zeit. Knotenpunkte verlangsamen den Verkehr, wirken bremsend und bieten die Chance auf einen guten Austausch. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir eine fundamentale Veränderungen im Umgang mit Zeit brauchen. Aktuell gibt es zwei Entwicklungen: Es fehlt an Zeit, es fehlt an sinnstiftenden zeitlichen Strukturen, es fehlt an Perspektiven und es fehlen Utopien. Die Menschen wollen raus aus den Tretmühlen. Sie kündigen. 

Andererseits herrscht weiterhin ein Kult um Geschwindigkeit und Beschleunigung (=Stärke). Der Kapitalismus verspricht seit jeher einen Gewinn an Zeit, durch Automatisierung oder Digitalisierung, durch Vernichtung „unnützer“ Zeit. Viel Venture-Kapital fließt derzeit in den so genannten „letzten Kilometer“. In einem Tag stellt amazon alles zu. Mark Zuckerbergs Motto lautet „move fast and break things.“ Just in Time. Alle Zeit im Neoliberalismus ist enfremdete Zeit. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto weniger haben wir. 

Was sind die Resultate dieser Zeitlichkeit: Dauerstress, Depressionen, ein gestörter Darm, kaputte Rituale, zerstörte Träume. Und ein anderer Effekt ist: Menschen verlangen SUVs, verachten alle Langsamen und Schwachen, entwickeln Hass und weitere feindliche Gefühle. 

Es steht viel auf dem Spiel. Eine Politisierung von Geschwindigkeit und Zeit ist essentiell. Auf der Straße, in der Arbeit, zu Hause, am Knoten. Gemeinsam die Zeit zurück erobern. Langsam, Schritt für Schritt: im Schneckentempo. 

Geile Knoten möchte ein solches Umdenken diskutieren und praktisch machen. Indem wir herumsitzen, indem wir uns verknoten, indem wir am 22. Oktober 2022 eine andere Form der Zustellung des öffentlichen Raums & Verkehrs ausprobieren.  

Öffentlicher Raum – Knoten

Die öffentlichen Verkehrsknoten sind laut, eintönig und stumm zugleich. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Orte kaputt, gefährlich und bloß Shopping Malls sind. Orte von denen wir uns entfernen, Orte an denen rein technische und keinerlei befriedigende Beziehungen geschehen, Orte die überwacht und voll mit Polizei und Securities sind. Jetzt entsteht vielleicht ein Bio-Laden oder eine grüne Wiese: notwendig wäre aber eine Verabschiedung von der schleichenden Privatisierung, eine Umkehr im Sicherheitsdiskurs, ein tiefgreifend anderer Verkehr, eine allgemeine Zugänglichkeit und Barrierefreiheit sowie eine gesellschaftliche Aneigung dieser Orte. Damit die Knoten offene Orte der Demokratie und des Austauschs werden können. 

Welche Rolle kann bei dieser Transformation die Kunst spielen? Sie kann eine große Rolle spielen, wenn sie es schafft die Selbstbezogenheit zu reduzieren, die Rolle innerhalb von urbanen Prozessen zu reflektieren, die Grenzen zum Alltagsleben durchlässiger zu machen, verständlicher zu sein und wenn sie es schafft eine unbequemere Praxis im öffentlichen Raum zu entwickeln, die nicht immer genehm und institutionell abgesegnet sein muss. Niemand braucht die KÖR GesmbH um Kunst im öffentlichen Raum zu machen. Der öffentliche Raum gehört allen und muss sich als Raum in dem selbstverständlich unterschiedlichste Ausdrucksformen des Lebens Platz finden manifestieren.  Die Kunst sollte ein Teil des Lebens und der Kämpfe um ein besseres Leben sein. Reinheit der Künste? Nein. Widerspenstige Kunst im öffentichen Raum ist möglich. We don´t need it clean. Wir sprechen ganz bewusst nicht von symbolischen Eingriffen, von Interventionen oder davon, dass wir einen Knoten bespielen. Mit Geile Knoten besetzen wir Knoten. Wir sitzen dort, wir kümmern uns um den Ort und setzen uns auseinander. Wenn die Zeit passt, dann spielen wir, tanzen wir oder machen ein Theater. 

Ritual is the theater of magic: transformation through communication. It is the ancestor of all art and its future if we want tu build worlds that reclaim the commons, rather than nourish extractivist culture. Like carnival, ritual erases the space between performer and public, life and art. I treplaces extractivism with care, representation with reciprocity, and it gives back the force of a specific time, place, and community to art.“  (Isabelle Fremeaux, Jay Jordan: We Are ‚Nature‘ Defending Itself, London 2021, S. 117.) 

Das Projekt ist bewusst offen gehalten. Es wird von Studierenden der Akademie der bildenden Künste Wien gemeinsam mit Tomash Schoiswohl konzipiert und durchgeführt. Alle können mitmachen. Den Abschluss bildet ein Aktionstag mit Ausstellung an einem ausgewählten Wiener Verkehrsknotenpunkt. Am 22. Oktober 2022. Walk bye. 

Rahmen Programm:

Den Kern von Geile Knoten bildet der Aktionstag am 22. Oktober 2022. Wir verbringen einen Tag an einem Verkehrsknotenpunkt, im öffentlichen Raum: am Matzleinsdorfer Platz. Wir knüpfen Knoten, zeigen Kunst, essen, diskutieren, entwickeln Perspektiven auf anderer Knoten. 

Im Rahmenprogramm organisieren wir eine Diskussionsveranstaltung mit Teilnehmer*innen aus der Stadtpolitik, Stadtplanung, des Aktivismus und der Kunst. Wir machen kleinere Ausstellungen im öffentlichen Raum, im öffentlichen Verkehr. Die Webseite https://geileknoten.com wird einen Überblick über die geplanten Aktivitäten bieten und Texte, Literatur, Anschauungsbeispiele und Arbeitsmaterialien zur Thematik der Verkehrsknotenpunkte versammeln.

..:: Ein Projekt im Rahmen des Schwerpunkts Akademie | Kunst | Öffentlichkeit an der Akademie der bildenden Künste Wien. ::…